Am Samstagmorgen, den 22.02.2025, machten sich 16 Schüler:innen unserer Schule gemeinsam mit Schüler:innen der Gesamtschule Am Lauerhaus auf den Weg nach Vlotho zur Vorbereitung der Gedenkfahrt im Gesamteuropäischen Studienwerk (GESW).
Dort wurden wir von Herrn Dr. Schüsselbauer, dem Leiter des Instituts, begrüßt, über das umfangreiche Programm informiert und äußerst fachkundig von ihm durchs Wochenende begleitet.
In abwechslungsreichen und intensiven Workshops lernte die Gruppe von insgesamt 27 Schüler:innen nicht nur viel über die polnische Landeskunde wie die Sprache und Esskultur, sondern setzen sich in Kleingruppen auch intensiv mit den polnisch-deutschen Beziehungen in der Vergangenheit und Gegenwart auseinander.
Einen besonders wichtigen Schwerpunkt nahm dabei natürlich die grausame Besatzung Polens durch das nationalsozialistische Deutschland ein, die Errichtung der Konzentrations- und Vernichtungslager sowie die Planung und Durchführung der industriellen Massenmorde an den europäischen Juden, Sinti und Roma, politischen Gegnern, Homosexuellen und anderen Menschen, die der Ideologie (Weltanschauung) der Nationalsozialisten nicht entsprachen.
Nach den Präsentationen traf sich ein Großteil der Gruppe am Sonntagabend um 18:00 Uhr zur ersten Hochrechnung der Bundestagswahl 2025 wieder im Seminarraum. Gespannt beobachteten wir das sich aufbauende Säulendiagramm und sind gespannt, wie die Gespräche zur Regierungsbildung nun ablaufen werden.
Das und die vielen Erkenntnisse über die Vergangenheit nehmen wir nun mit auf den Weg nach Krakau.
Wir bedanken uns ganz herzliche bei dem Team des Gesamteuropäischen Studienwerks für die intensive Betreuung und fantastische Versorgung in Vlotho.
Ankunft in Krakau und Erkundung der historischen Altstadt
Am Montagabend, den 24. Februar 2025, erreichten wir nach einer zwölfstündigen Busfahrt eine der schönsten und geschichtsträchtigsten Städte Polens: Krakau. Bereits am ersten Abend konnten wir die besondere Atmosphäre der mittelalterlichen Altstadt auf uns wirken lassen.
Am nächsten Morgen begleitete uns Herr Dr. Schlüsselbauer auf eine fachkundige Stadtführung zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten. Unser erster Halt führte uns zum Königsschloss Wawel, das nicht nur ein architektonisches Meisterwerk ist, sondern über Jahrhunderte hinweg das politische Zentrum Polens darstellte. Auf dem Weg dorthin legten wir einen kurzen Stopp ein, um die berühmte Sage des Wawel-Drachen szenisch nachzuspielen und ein Gruppenfoto vor der Statue des „Smok Wawelski“ zu machen.
Weiter ging es zum Rynek Główny, dem imposanten Hauptmarkt, auf dem die prächtigen Tuchhallen stehen. Heute bieten die historischen Hallen zahlreiche Kunsthandwerke und Souvenirs an. Direkt nebenan besuchten wir die eindrucksvolle Marienkirche, eines der Wahrzeichen Krakaus, die mit ihrem prachtvollen Hochaltar aus dem 15. Jahrhundert ein beeindruckendes Beispiel gotischer Architektur darstellt. Den Abschluss unserer Altstadterkundung bildete die ehrwürdige Jagiellonen-Universität, eine der ältesten Universitäten Europas.
Nach einer kurzen Mittagspause tauchten wir in die bewegende Geschichte des jüdischen Viertels Kazimierz ein. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten hier rund 65.000 Jüdinnen und Juden – etwa ein Viertel der gesamten Stadtbevölkerung. Seit dem 16. Jahrhundert galt Kazimierz als eines der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens in Europa. Nach den Novemberpogromen von 1938 im Deutschen Reich flohen viele deutsche Juden nach Krakau und gründeten im Westen des Stadtteils das sogenannte „Klein-Berlin“.
Mit dem deutschen Überfall auf Polen und der Besetzung Krakaus änderte sich das Leben der jüdischen Bevölkerung dramatisch. Bis März 1941 wurden sie gezwungen, ins Ghetto von Podgórze umzusiedeln, das ab 1942 systematisch geräumt wurde. Die meisten Bewohner wurden in Vernichtungslager deportiert und ermordet.
Nach dem Krieg kehrten einige Überlebende zurück, doch wurden sie aus Kazimierz verjagt. Der Stadtteil verarmte, bis er in den 1990er Jahren durch den Filmdreh von Schindlers Liste international bekannt wurde und eine touristische Wiederbelebung erfuhr. Heute leben nur noch etwa 100 jüdische Einwohner in Kazimierz. Unser Besuch der Alten Synagoge, des jüdischen Friedhofs und vor allem des Ghetto-Platzes hinterließ einen bleibenden Eindruck. Dieser Platz dient als Gedenkort für die Opfer der Deportationen und mahnt eindringlich an die Schrecken des Holocausts.
Besuch der Gedenkstätte Auschwitz: Erinnern und Verstehen
An zwei intensiven Tagen besuchten wir die Gedenkstätte Auschwitz, um uns mit einem der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte auseinanderzusetzen. Am ersten Tag erkundeten wir das Stammlager Auschwitz I, das 1941 als Konzentrationslager errichtet wurde und auch als Verwaltungszentrum der Nationalsozialisten diente.
In den erhaltenen Gebäuden, die heute als Museum dienen, bekamen wir einen erschütternden Einblick in den Alltag der Inhaftierten. Besonders die persönlichen Gegenstände der Opfer – Koffer, Schuhe, Haare – machten das Leid und das unfassbare Ausmaß der Verbrechen greifbarer. Besonders bewegend war der Gang durch die berüchtigte Todeswand, an der unzählige Menschen erschossen wurden. In einem anschließenden Workshop sprachen wir über unsere Eindrücke und setzten uns mit Biografien von Überlebenden auseinander.
Am zweiten Tag besuchten wir das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das als größtes der Lagerkomplexe unzählige Menschen das Leben kostete. Die Dimensionen des Geländes waren erschlagend – endlose Reihen von Baracken, Stacheldrahtzäune und die Überreste der Gaskammern zeugten von der systematischen Ermordung Hunderttausender. Die Führung brachte uns an die Rampe, an der die Selektionen stattfanden, und in die dunklen Schlafbaracken, in denen die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen hausen mussten. Nach den Führungen hatten wir die Möglichkeit, das Erlebte in Workshops zu reflektieren und uns über unsere Eindrücke auszutauschen.
Schüler:innenstimmen:
· „Mich hat am meisten schockiert, wie grausam die Menschen dort leben mussten – das ist mit Worten nicht zu beschreiben.“
· „Mich hat am meisten berührt, dass ein SS-Mann ein neugeborenes Kind so kaltblütig getötet hat.“
· „Mich hat am meisten beeindruckt, dass die Überlebenden ihre Geschichten mit der Welt teilten.“
· „Besonders schockiert hat mich, wie viele Menschen tatsächlich betroffen waren. Durch die persönlichen Gegenstände wie Schuhe oder Haare wurde das große Ausmaß noch greifbarer.“
· „Die vielen Fotos an den Wänden haben mich tief bewegt, denn sie zeigen Menschen, die einmal ein Leben hatten – mit einem Beruf, einer Familie, einer Geschichte.“
· „Es hat mich sehr berührt, an dem Ort zu stehen, an dem so viele unschuldig gequält und ermordet wurden. Dort zu sein, wo Menschen um ihr Leben gebettelt und geschrien haben.“
· „Am meisten haben mich die Bilder der Kinder getroffen. In ihren abgemagerten, unschuldigen Gesichtern konnte man die pure Angst und Leere zugleich erkennen.“
· „Tief beeindruckt hat mich auch, dass einige der Menschen auf den Fotos trotz allem noch gelächelt haben.“
· „Mich hat am meisten schockiert, wie die Nazis damals die Menschen als Objekte gesehen haben, ohne Mitgefühl oder Menschlichkeit, und wie viele Menschen das einfach ignoriert oder hingenommen haben.“
· „Mich hat am meisten berührt, dass so viele unschuldige Menschen entmenschlicht und ohne jeglichen Respekt behandelt wurden.“
· „Mich hat am meisten beeindruckt, wie trotz all dieser Grausamkeit manche Menschen dennoch den Mut hatten, anderen zu helfen oder Widerstand zu leisten.“
· „Und vor allem hat mich die Wirkung auf mich selbst überrascht – ich hätte nicht erwartet, so zu reagieren. Doch in dem Moment, in dem mir wirklich bewusst wurde, wo ich stand, war es überwältigend.“
Holocaust und Shoah – Ein Blick auf die Opfergruppen
Der Begriff Holocaust stammt aus dem Griechischen und bedeutet „völlig verbrannt“. Er wird verwendet, um die systematische Verfolgung und Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden durch das nationalsozialistische Deutschland zwischen 1941 und 1945 zu beschreiben. In der jüdischen Gemeinschaft wird oft der Begriff Shoah genutzt, der aus dem Hebräischen stammt und „Katastrophe“ oder „großes Unglück“ bedeutet.
Doch nicht nur jüdische Menschen waren Opfer des nationalsozialistischen Vernichtungswahns. Auch viele andere Gruppen wurden verfolgt und ermordet:
· Sinti und Roma, die in der sogenannten „Porajmos“ (dem „Verschlingen“) systematisch ermordet wurden.
· Politische Gegner, darunter Kommunisten, Sozialisten und andere Widerständler gegen das NS-Regime.
· Homosexuelle, die als „entartet“ galten und in Konzentrationslagern misshandelt und getötet wurden.
· Sowjetische Kriegsgefangene, von denen Hunderttausende durch Hunger, Zwangsarbeit oder Erschießungen starben.
· Menschen mit Behinderungen, die im Rahmen der „Euthanasie“-Programme der Nationalsozialisten ermordet wurden.
· Zeugen Jehovas, die sich weigerten, dem Regime zu gehorchen, und deswegen inhaftiert und hingerichtet wurden.
Die Erinnerung an diese Verbrechen ist nicht nur ein Gedenken an die Opfer, sondern auch eine Mahnung für die Gegenwart und Zukunft. Unser Besuch in Auschwitz hat uns eindringlich gezeigt, wie wichtig es ist, sich gegen Hass, Diskriminierung und Unrecht zu stellen.
Florian Brandenburg & Julia Schulz (Fachgruppe Geschichte)
Im Rahmen der Gedenkfahrt-AG bereiten wir uns intensiv auf die Studienfahrt nach Krakau und Auschwitz (22.02.–01.03.2025) vor. Gemeinsam mit Schüler:innen der Gesamtschule Am Lauerhaas fand das erste Treffen bei uns an der Schule im Dezember statt, bei dem wir eine Stadtführung zu den Stolpersteinen und dem jüdischen Leben in der Stadt Wesel unternahmen. Zudem setzten wir uns mit zentralen Themen und der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus auseinander, die von den Schüler:innen in Kleingruppen weiter erarbeitet und vor der Fahrt noch präsentiert werden.
Bei unserem zweiten Treffen am Samstag, den 11.01.2025, besuchten wir das Humberghaus in Dingden. Dort erhielten wir durch den Heimatverein eine eindrucksvolle Führung zur Geschichte der jüdischen Familie Humberg, die bis 1941 in der Hohen Straße 13 lebte und eine Metzgerei sowie einen Manufakturwarenladen betrieb. Die Familie bestand aus den Eltern Rosalia und Abraham sowie ihren sieben Kindern, die geschätzte Mitglieder der Dorfgemeinschaft waren. Wie Millionen andere Juden wurden sie Opfer der systematischen Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung durch die Nationalsozialisten. Vier der Geschwister wurden ermordet; drei konnten mit ihren Familien nach Kanada emigrieren.
Julia Schulz (Lehrkraft)
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